Festansprache bei der Profess-Feier beim Guten Hirten in Graz am 1. Mai 1955

 

Profess-Feier bei den Guten-Hirten-Schwestern …sterreichs!

Profess ist Hochzeit, ist VermŠhlung mit Christus, dem gšttlichen SeelenbrŠutigam, durch die hl. GelŸbde des Ordensstandes. So ist der heutige erste Maientag Hochzeitstag, und er ist es im dreifachen Sinn: 4 Novizinnen feiern ihre erste Profess, 2 Schwestern erneuern ihre jŠhrlichen GelŸbde, 3 Schwestern legen ihre ewige Profess ab und 9 Schwestern feiern ihre silberne Jubelprofess.

Wie soll diese dreifache Festlichkeit des heutigen Hochzeitstages in der Festansprache festlich beleuchtet werden?

Ich mšchte zuerst an Erhabenheit, WŸrde und Vorteil des Ordensstandes erinnern, um die BrŠute des heutigen Hochzeitstages mit recht gro§er Dankbarkeit fŸr die Gnade des Berufes zu erfŸllen. Und dann mšchte ich den drei Gruppen der heutigen Festtagskinder, den Schwestern der ersten Profess, der ewigen Profess und der Jubelprofess noch ein Andenken mitgeben an den heutigen Festtag!

Zum ersten: Ein paar Gedanken Ÿber Erhabenheit, WŸrde und Vorteil des Ordensstandes! Sie, liebe Schwestern, haben ja in den vorbereitenden Exerzitien schon selber genug darŸber nachgedacht. Tun Sie es heute nochmals in recht tiefer Dankbarkeit! Vielleicht nehmen Sie sich Zeit und lesen heute in ein paar stillen Augenblicken das 10. Kapitel im 3. Buch des kostbaren BŸchleins der Nachfolge Christi. Da wird es ihnen so schšn gesagt, was es Gro§es und Erhabenes ist um den Ordensstand! Am Schluss dieses Kapitels ruft der gottselige Thomas von Kempis aus: ãO heiliger Stand der Religiosen, der den Menschen Gott wohlgefŠllig, den Engeln gleich, der Hšlle schrecklich, allen Guten aber ehrwŸrdig macht!Ò

Und die Vorteile des Ordensstandes? Der hl. Bernhard von Clairvaux beschreibt sie einmal so schšn in folgenden Worten:

1.    ãDer Ordensstand ist ein heiliger Stand, in welchem man

2.    reiner lebt,

3.    seltener fŠllt,

4.    schneller wieder aufsteht,

5.    vorsichtiger wandelt,

6.    hŠufiger mit dem Tau der Gnade erquickt wird,

7.    sicherer ruht,

8.    vertrauensvoller stirbt,

9.    schneller gereinigt und

10. reicher belohnt wird!Ò

Man darf sich am Profess-Tag ruhig einmal recht selbstsŸchtig diese 10 Vorteile des Ordensstandes klarmachen, um dadurch umso dankbarer gestimmt zu werden fŸr die Gnade des Berufes!

1.    Der Ordensstand ist ein heiliger Stand, da seine Mitglieder eine Lebensweise beobachten, die von der Kirche als heilig gutgehei§en ist und wirklich zur Heiligkeit und Vollkommenheit anleitet. Wo in der Welt sind so viele Edelgesinnte, von gleichem heiligem Streben erfŸllte, einer gro§en heiligen Aufgabe, nŠmlich der Verherrlichung Gottes und dem Heil der unsterblichen Seelen dienende Menschen beisammen wie in den Orden, in den Klšstern, vor allem in unseren Frauenklšstern? Gewiss, man ist noch nicht heilig, wenn man ins Kloster geht, man ist es auch noch nicht am Tag der Profess und auch noch nicht am Tag der silbernen Jubelprofess, aber – als Schwesternseelsorger und Exerzitienleiter kann man das in erfreulicher Weise bestŠtigen – es ist bei fast allen ein wirklich ernstes Streben nach Heiligkeit, nach Vollkommenheit da und mehr verlangt der unendlich heilige Gott ja gar nicht.  Jedenfalls hat der hl. Bernhard recht, wenn er

2.    feststellt, dass man im Ordensstand reiner lebt:

Alle, die ihren Ordensberuf ernst nehmen, bemŸhen sich doch gewissenhaft, die SŸnde zu meiden und in all ihren Handlungen immer mehr dem heiligsten Willen Gottes zu entsprechen, nicht blo§ gemŠ§ den Geboten Gottes, sondern auch gemŠ§ den evangelischen RŠten, wie sie im Evangelium und in den Ordenssatzungen zum Ausdruck kommen.

Gewiss kommen auch noch im Ordensstand SŸnden vor, aber der hl. Bernhard hat sicher wieder recht, wenn er

3.    feststellt: Man fŠllt seltener im Ordensstand:

Vielleicht ist das gar nicht immer persšnliches Verdienst, sondern einfach durch die ganze AtmosphŠre so gegeben, dass Ÿberhaupt weniger Gelegenheit zum SŸndigen da ist. Aber das ist eben ein ganz bedeutsamer Vorteil des Ordensstandes: durch die Klausur, durch die hl. Regel, durch die ganze Umgebung, durch den Geist des Hauses ist man wie durch ein mŠchtiges Bollwerk geschŸtzt, das der bšse Feind nicht einnehmen kann. Und ein

4.    Vorteil des Ordensstandes: Man steht schneller wieder auf, wenn man wirklich einmal gefallen ist. Wir wissen, auch der Gerechte fŠllt, wie die Hl. Schrift sagt (Spr 24,16) siebenmal am Tage, aber er steht wieder auf. Dazu, zum raschen Wiederaufstehen werden die Ordensleute veranlasst durch das viele Gebet, durch die tŠgliche ernste Gewissenserforschung, durch die hŠufige hl. Beichte, durch die monatliche Geisteserneuerung, durch die jŠhrlichen Exerzitien. Dabei kommt man immer mehr zu besserer Selbsterkenntnis, zu wahrer Demut, zu immer grš§erer Gottesliebe und so gilt dann weiter vom Ordensstand, was der hl. Bernhard noch hinzufŸgt:

5.    Man wandelt behutsamer: Man ist demŸtig genug, um sich vor TŠuschungen zu bewahren, die die leichtfertige Welt, der bšse Feind, die eigenen Leidenschaften uns so gerne vorgaukeln und vorzuspiegeln suchen. Man hat im Kloster auch erfahrene, wegkundige FŸhrer und Wegbegleiter zur Seite in den Vorgesetzten und im SeelenfŸhrer. Und Ÿberdies fehlt es nicht an dem, was allein entscheidend ist: die gšttliche Gnade! So betont der hl. Bernhard dann

6.    Man wird im Ordensstand hŠufiger mit dem Tau der Gnade erquickt:

Ja, so eine Ordensgemeinschaft ist wie ein Paradiesgarten, der von den Gnadenstršmen Christi reich bewŠssert wird und auf den sich der Tau der Gnade vom Himmel her alle Tage in SegensfŸlle herniedersenkt. Wie viele Gnaden kšnnen doch die Ordensleute aus der tŠglichen hl. Kommunion schšpfen, aus der tŠglichen Mitfeier der hl. Messe! Wie gnadenspendend wirkt sich doch die Gegenwart Christi in den Tabernakeln der Klosterkirchen und Kapellen aus, wo er auf den Besuch der Seinen wartet und mit wahrhaft gšttlicher Freigebigkeit seine Gnaden austeilt! Wie viele Gnadeneinsprechungen gibt es doch im Kloster im Lauf des Jahres, des Monats, ja des Tages, wenn man es nur versteht, in der rechten klšsterlichen Stille und Hellhšrigkeit auf die Gnadenrufe des Herrn und auf sein leises Klopfen an der TŸr des Herzens zu horchen! ãSiehe, ich stehe vor der TŸre und klopfe an! Wenn jemand meine Stimme hšrt und mir die TŸr šffnet, so werde ich zu ihm hineinkommen und Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.Ò Das Wort Christi im Sendschreiben an die laue Gemeinde von Laodizea (GehOffb 3,20) Ja, im Kloster stehen auch dem Lauen noch mehr Gnaden zur VerfŸgung als den Menschen in der Welt. Denn immer wieder klopft der Herr an und bittet um Einlass!

7.    Man ruht sicherer, sagt der hl. Bernhard weiter, um noch auf einen beneidenswerten Vorteil des Ordensstandes hinzuweisen: Die Ordensleute tragen den Frieden des Herzens in sich, sie leben am Herzen Gottes, der da die Quelle allen Trostes und Friedens ist. Was ist doch diese Ruhe und Geborgenheit am Herzen Gottes kostbar, wenn wir an das Gegenteil, an die Hast und Unruhe und Friedlosigkeit so vieler Menschen in der Welt denken! ã Ihr werdet Ruhe finden fŸr eure Seelen!Ò So sagt der Herr zu den Ordensleuten. Und das andere Wort: ãMeinen Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch!Ò

8.    Ein weiterer beneidenswerter Vorteil des Ordensstandes: Man stirbt vertrauensvoller, in der sŸ§en Hoffnung, vor Gottes Gericht bestehen und in den Himmel eingehen zu dŸrfen! Wie gut und friedlich sterben doch fast immer Ordensschwestern! Gewiss, es kommt dann und wann auch das angsterfŸllte Sterben vor, wie es Bernanos in der Begnadeten Angst in erschreckender Weise von der Priorin des Karmels von Compiegne geschildert hat! Aber das sind nur Ausnahmen. Die Regel ist doch das friedvolle,, glŸckliche, ruhige, vertrauensvolle sterben nach einem edlen, opfervollen, ganz im Dienste Gottes verbrachten Leben: ãNunc dimittis servum tuum Domine...Ò

Ich habe noch immer in der Seelsorge diese Erfahrung gemacht: es gibt kein schšneres Sterben als es fast durchwegs die Schwestern haben! Ich habe, ehrlich gesagt, jene Schwestern, die ich aufs Sterben vorbereiten durfte, um ihr friedliches Heimgehen beneidet. – Und wenn eine Schwester nach dem Tod vielleicht im Fegfeuer noch gelŠutert werden muss, auch da wei§ der hl. Bernhard noch einen gro§en Vorteil des Ordensstandes zu nennen:

9.    Man wird umso rascher gereinigt:

Nach der Ansicht des hl. Thomas v. A. wird man schon bei der Profess wie durch eine zweite Taufe von allen SŸndenstrafen des frŸheren Lebens befreit. SŸnden und Fehler des Ordenslebens kšnnen dann durch die vielen Gnadenmittel, die im Kloster zur VerfŸgung stehen, noch hier auf Erden getilgt werden. Bleibt einer aber das Fegefeuer nicht erspart, so wei§ sie ganz sicher, dass von den Mitschwestern viele Gebete zum Throne Gottes fŸr sie emporsteigen und viele hl. Messen fŸr sie dargebracht werden. Wie schnell ist man in der Welt vergessen! Die Ordensfamilie vergisst ihre Verstorbenen nicht! Sie hilft ihren Verstorbenen, im Fegfeuer leidenden Gliedern, dass sie rasch zur  ewigen Herrlichkeit gelangen. Und dann, ja dann kommt noch

10. Der letzte gro§e Vorteil des Ordensstandes:

Man wird umso reicher belohnt!

Christus hat fŸr jeden Trunk Wasser, der einem Durstigen gereicht wird, Lohn verhei§en und jene, die barmherzig sind, seliggepriesen, weil sie Barmherzigkeit erlangen. Wie gro§ mag dann der Lohn erst fŸr jene sein, die sich in ganz selbstloser Weise um die geringsten BrŸder des Herrn gemŸht haben, um die armen und kranken SŸnder!? Wie gro§ wird doch der Lohn fŸr alle jene Werke der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit sein, die eine Guten-Hirten-Schwester in ihrem hl. Beruf verrichtet hat! Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn wird gro§ im Himmel!

Ja, liebe Schwestern, merken Sie sich dieses trostvolle Wort des hl. Bernhard Ÿber die 10 Vorteile des Ordensstandes, um tapfer durchzuhalten in der rechten Treue und Liebe, auch dann, wenn es manchmal schwer wird: ãDer Ordensstand ist ein heiliger Stand, in welchem man reiner lebt, seltener fŠllt, schneller wieder aufsteht, vorsichtiger wandelt, hŠufiger mit dem Tau der Gnade erquickt wird, vertrauensvoller stirbt, schnell gereinigt und reicher belohnt wird!Ò